Es ist gar nicht so einfach, neue Spielethemen zu finden. Das mittelalterliche Orléans ist sicherlich keine Überraschung, dass darin keine Jungfrau mitspielt dagegen schon. Mir war bisher unbekannt, dass Orléans bekannt für seine Stoffbeutel ist, aber genau dieser edle Bruder der gemeinen Plastiktüte spielt im neuen Brettspiel von Reiner Stockhausen eine sehr wichtige Rolle.
Bag Building Game stand auf den Messeplakaten und das auch nicht ohne Grund.
Jeder der bis zu vier Mitspieler hat seinen eigenen "Gefolgsleutebeutel" - nicht meine Wortschöpfung :-), der jede Runde nach dem Aufdecken der Stundenglaskarte (Ereigniskarte: positiv oder negativ) seinen großen Moment hat.

ich mag die Cover Grafik

Abhängig von der eigenen Platzierung auf der Ritterleiste darf jetzt jeder Spieler vier bis 8 Gefolgsleuteplättchen zufällig aus seinem Beutel ziehen. Zu Beginn des Spiels hat jeder Spieler bereits vier dieser Plättchen (Bauer, Schiffer, Handwerker und Händler). Diese "vermehren" sich jedoch durch verschiedene Aktionen auf dem eigenen Spielertableau. Nach dem Ziehen ordnen die Spieler ihre Plättchen den verschiedenen Orten (Aktionen) auf ihrem Tableau bzw. erworbenen Ortskarten (Aktionen) zu.
Nach einigen Diskussionen über eine nicht eindeutige Regelung bzw. über fehlende Sichtschirme hat der Autor noch einmal bestätigt, dass man diese Phase parallel durchführen kann. Sollte es jedoch wichtig werden, z.B. ein bestimmtes Personenplättchen wird knapp, beenden die Spieler diese Planungsphase in Spielerreihenfolge. Auf jedem Spielertableau gibt es dieselben 10 Orte, die aktiviert werden können, wenn alle Plätze (zwei oder drei, Ausnahme Rathaus) mit den passenden Personenplättchen besetzt sind. In der Aktionsphase hat der Startspieler als erster die Entscheidung, ob er eine freigeschaltete Aktion durchführt oder ob er endgültig passt. Dies wird so lange durchgeführt bis auch der letzte Spieler gepasst hat.

in einer 4er Partie kann es auf der Landkarte eng werden

Bei den Orten Burg, Bauernhaus, Dorf und Universität erhält der Spieler ein entsprechendes Personenplättchen in seinen Stoffbeutel und geht einen Schritt auf der entsprechenden Leiste vor. Jeder diese Orte gibt aber noch einen weiteren Vorteil: z.B. erhält man Geld (Spielende: ein Geld = ein Siegpunkt), darf sich eine Ortskarte (eine weitere nur diesem Spieler zur Verfügung stehende Aktionsmöglichkeit bzw. Vorteil) aussuchen oder sich auch auf der Entwicklungsleiste (Spielende: wichtig als Multiplikator für die Punkte der gebauten Kontore und Bürgerplättchen) fortbewegen.

die Personenplättchen sind begrenzt: ohne Plättchen keine Aktion

Die Orte Schiff, Wagen und Gildenhaus sind entscheidend für die Landkarte auf dem Spielplan. Mit den ersten beiden kann sich die Händlerfigur des Spielers entlang der Wasser- bzw. Landwege fortbewegen. Sollte auf dem Weg noch ein Warenplättchen liegen, erhält der Spieler das Plättchen (abhängig von der Warensorte am Spielende ein bis fünf Siegpunkte Wert). Mit der Aktion Gildenhaus kann ein Spieler an dem Ort, an dem seine Händlerfigur steht, ein Kontor bauen, wenn dort bisher noch kein Kontor steht. In Orleans darf jeder Spieler als Ausnahme genau ein Kontor bauen.

die drei oberen Orte sind für die Aktionen auf der Landkarte reserviert

Im Kloster bekommt man mächtige Joker-Personenplättchen (Mönche), die mit Ausnahme des Rathauses für jede Art Personenplättchen eingesetzt werden können.

Ok, wir wissen ja, das Politiker eine besondere Art Mensch sind. So ist es kein Wunder, dass das Rathaus anders funktioniert als alle anderen Orte auf den Spielertableaus. Normalerweise werden die jeweiligen Personenplättchen nach Auslösen der Aktion sofort zurück in den Beutel gelegt.

auch Zahnräder (ersetzt eine Person dauerhaft) sind sehr hilfreich

Zu einem ordentlichen Deck Bag Building Game gehört natürlich auch die Möglichkeit das eigene Deck den eigenen Beutel zu manipulieren. Personenplättchen, die man im Rathaus platziert, werden weggelobt müssen bei der Aktionswahl auf den Feldern des Zusatztableaus „Segensreiche Werke“ platziert werden, solange noch passende Felder verfügbar sind. Dafür erhält der Spieler abhängig vom Werk entweder Geld (1-3) oder einen Entwicklungsschritt. Der Spieler, der ein segenreiches Werk abschließt, d.h. den letzten freien Platz belegt, erhält das dazugehörige Bürgerplättchen. Oft wichtiger als die Belohnung ist der Effekt, dass diese Plättchen nicht mehr zur Verfügung stehen und man so die Zusammensetzung der eigenen Personenplättchen  (hoffentlich zielführend) beeinflussen kann.

nicht nur Bürgerplättchen, Geld und Entwicklungspunkte sondern auch "Beutelqualität" gibt es hier

Das Spiel endet nach 18 Runden und die Spieler zählen die Siegpunkte (Geld, Warenplättchen und Kontore/Bürgerplättchen) zusammen.

Stundenglaskarten: die sechs verschiedenen Ereignisse (2x positiv, 4x negativ)

Die Regeln bestehen aus 12 großzügig bedruckten Seiten mit vielen Bildern und sind größtenteils gut geschrieben, so dass der Einstieg in das Spiel nicht schwer fällt. Leider fehlt in der Regel zur Planungsphase ein genauer Hinweis, wie diese Phase abläuft. So kam bei uns in der ersten Partie ein Störgefühl auf, da es keine Sichtschirme gibt und die Reihenfolge bzw. das Ende der Planungsphase nach unserem Empfinden nicht geregelt ist. Nach dieser Partie fanden wir für das Problem einen später vom Autor bestätigten Lösungsansatz (s.o.), so dass für uns dieses Problem gelöst war.

die Regel ist gut strukturiert, aber an einer Stelle fehlt eine genauere Erklärung

Das Material ist heutiger guter Durchschnitt ohne mich wirklich störende Ausreißer nach unten. Trotzdem hätten die Personenplättchen etwas dicker sein dürfen, da man sie so besser vom Aufdruck auf den Spielertableaus hätte unterscheiden können. Eine perfekte deckungsgleiche Platzierung der Plättchen auf den Feldern des Tableaus ist aus diesem Grund nicht empfehlenswert. In den Foren wurde angemerkt, dass die persönlichen Startplättchen am Verlagsstand auf der Spiel nach vier Tagen Dauereinsatz schon extrem abgenutzt wirkten. Die ersten Anzeichen sind auch schon bei unserem Exemplar festzustellen, jedoch sehe ich hier erst einmal kein Problem. Sollte sich das ändern, werde ich Cecilia Giménez gleich die Plättchen nachmalen. :-)

Material für einen Spieler

so intensiv waren die neun Partien doch gar nicht :-)

Die Regelung mit der größtenteils parallelen Planungsphase finde ich sehr gut, da sich so eine 4er Partie mit regelkundigen Spielern gut in 60 - 90 Minuten spielen lässt. Dies ist für mich auch die Spieldauergrenze, bei der ich einen ersten Gedanken an „jetzt könnte die Partie aber doch zu Ende gehen“ verschwenden würde. Extremgrübler, die jedes Spiel in die Länge ziehen, können natürlich auch den Spielspaß von Orléans gefährden, da einem dann die Anzahl der Runden (18) doch zu hoch vorkommt.
Natürlich muss man auch hier loslassen können, aber um Spieler, die erst die Windrichtung auf dem Spielbrett für ihren Denkprozess ermitteln müssen, mache ich - wenn möglich - einen weiten Bogen. :-)

bereits auf der Messe zum erstenmal getestet als ...

... 3er Partie

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die ich bei Orleans ausprobieren kann, so dass sich in jeder Partie die Frage stellt:

  • Bin ich besonders aktiv auf der Landkarte, sammle Warenplättchen ein, baue möglichst viele Kontore und kümmere mich auch um den Multiplikator (Entwicklungsleiste) für das Spielende. Gerade den letzten Punkt vergesse ich gerne. :-)
  • Setze ich mich früh in der Bauernhausleiste nach vorne, erhalte jede Runde eine Münze (Siegpunkt) und sammle darüber Warenplättchen ein.
  • Versuche ich eine gute Kombination bei den Ortskarten zu finden und diese auch mit meinen Personenplättchen am Laufen zu halten.
  • Oder…..

die Ortskarten der ersten und ...

... zweiten Kategorie laden zum Ausprobieren ein

Verschiedene Strategien bieten aber nur dann Wiederspielreiz, wenn sie von den Spielern als annähernd gleich stark angesehen werden. In die erste Auflage hat sich leider eine viel zu starke Ortskarte "eingeschlichen". Deshalb gab es für den Startspieler eine alle anderen Entscheidungen dominierende Aktion: den Erwerb des Badehauses. Der Verlag hat jedoch sehr schnell reagiert und hat auf seiner Website bereits einige Lösungsvorschläge zur Entschärfung des Badehauses veröffentlicht. Damit ist für mich dieses Problem gelöst.

das berüchtigte Badehaus :-)

Auch bei den anderen Ortskarten gibt es unterschiedlich starke Fähigkeiten, die teilweise abhängig vom Spielaufbau (zufällige Verteilung der Warenplättchen) und/oder der Spielweise der Gegner in ihrer Stärke von Spiel zu Spiel variieren. Mir hat es viel Spaß gemacht diese verschiedenen Ortskarten und Strategien auszuprobieren, auch wenn ich mir hier fast noch mehr interessante und gleichzeitig erfolgversprechende Strategiemöglichkeiten wünschen würde. Während der Planung muss man gerade in der 2. Hälfte einer Partie die (Möglichkeiten der Mitspieler) im Auge behalten, da es einige Restriktionen gibt, die man berücksichtigen muss: z.B. die Anzahl der Personenplättchen und damit die zur Verfügung stehenden Aktionsmöglichkeiten sind beschränkt, Warenplättchen auf den Wegen werden nicht wieder aufgefüllt, in jedem Ort ist nur ein Kontor erlaubt, jede Ortskarte ist nur einmal verfügbar und Geld (somit auch Siegpunkte durch Geld) ist begrenzt.

 für die Warenplättchen gibt es am Spielende ein (Getreide) bis fünf (Brokat) Siegpunkte

Im Gegensatz zum klassischen Deckbauspiel kann der (gefühlte) Glücksanteil sogar noch ein wenig höher sein, da alle genutzten Personenplättchen direkt wieder in den Beutel gesteckt werden und man somit z.B. den einzigen eigenen Joker seltener zieht. Das ist mir immer dann passiert, wenn ich Orléans mal wieder nicht gewonnen habe. J Damit kann ich aber gut leben und wenn das nicht so wäre, könnte ich den Inhalt meines Beutels ja auch noch mit Hilfe des Rathauses meiner Strategie anpassen. Auch zu zweit kann man Orléans gut spielen. Jedoch fehlt mir hier die größere Konkurrenz auf der Landkarte. Zwar werden auf allen Wegen nur jeweils ein Warenplättchen ausgelegt, aber die Anzahl der bebaubaren Städte wird nicht reduziert, so dass man sich bedeutend weniger in die Quere kommt als bei einer 4er Partie. Auch die Geldbegrenzung spielt in einer 2er Partie (fast) keine Rolle.

in einer 2er Partie hat man mehr Platz auf der Landkarte, 10 Kontore bauen ist da kein Problem

 

Bei Orléans hat Reiner Stockhausen mit dem „Sackbaumechanismus“ - der musste jetzt mal sein - einen noch nicht so häufig genutzten Mechanismus in ein interessantes, strategisches aber auch zugleich taktisches Spiel gepackt. Meine bisherigen Partien haben wirklich Spaß gemacht und die anfänglichen Probleme (Planungsreihenfolge und Badehaus) wurden schnell vom Autor/Verlag ausgeräumt.
Für eine außerordentliche Note fesselt mich die dlp Neuheit dann aber doch zu wenig. Ich habe bisher nicht die emotionale Bindung gespürt, wie ich es für die ganz hohen Noten erwarte. Trotzdem haben wir hier einen richtig guter Vertreter des Essenjahrgangs 2014, für den ich mit gutem Gewissen eine Anspielempfehlung aussprechen kann.

Von mir erhält Orléans eine 7. Sollte mein Interesse an weiteren Partien jedoch anhalten, besteht auch noch die Möglichkeit für eine Aufwertung. Das wird aber die Zukunft zeigen, wenn sich Orléans gegen die ganzen Neuheiten und die bereits vorhandene Spielevielfalt durchsetzen muss.

Orléans erhält von mir eine 7/10, mit der Option auf eine Nachbesserung

 

Name: Orléans

Wertung: 7 (von 10)

Autor: Reiner Stockhausen

Illustrator: Klemens Franz

Verlag: dlp games (deutsch)

Erscheinungsjahr: 2014

Spieleranzahl: 2 bis 4

Spieldauer ("normale geübte Spieler"): 60 (2er) bis 90 Minuten

Anzahl Partien bis zur Rezension: 9

Rezensionsexemplar: kostenlos vom Verlag

   
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